1/21/2008

"Der hat das Publikum in ungerechtfertigter Weise beschimpft."

Irgendwo in Bayern, liegt die Stadt Memmingen, die sich selbst als "kulturelles Zentrum" versteht. Schließlich ist Memmingen "Sitz des Landestheaters Schwaben" und bietet auch darüber hinaus "ein reichhaltiges Angebot auch für verwöhnte Ansprüche." Vor allem auf das Theater bildet man sich etwas ein, denn es handelt sich, wie man auf der Homepage der Stadt erfährt, um eine alte Tradition: "In Memmingen geht man ins Theater – und das mit Tradition. 1803 gründeten die Memminger im früheren Zeughaus ihr eigenes Stadttheater, das heutige Landestheater Schwaben. Das LTS bietet ein farbiges und kontrastreiches Programm, das Repertoire reicht von der Antike bis zur Gegenwart, vom Klassiker bis zur Rock-Oper. Die Studiobühne im Theater am Schweizerberg gibt dem Ensemble Raum für ungewöhnliche Produktionen. Mit hohem Engagement und ansteckender Frische hat sich das Theater ein Ruf erarbeitet, der weit über die Region hinaus reicht."

Diese Begeisterung fürs Theater schlägt sich auch im politischen Aktivismus der Memminger nieder: In Bayern ist man ganz ums Wohl der "muslimischen Häftlinge aus dem Gefangenenlager in Guantanamo" besorgt. Henryk M. Broder analysiert die Situation vor Ort wie folgt: "Jeden Morgen stehen die Memminger mit dem Gedanken auf 'Gibt es das Lager noch immer?' und gehen jeden Abend mit dem Gedanken schlafen: 'Da muss endlich was passieren!'" Deshalb veranstaltet man in Memmingen nicht einfach eine Volksversammlung, in der die vom Leid geplagten Memminger ihrem Ärger über die bösen Amis, die unschuldige Muslime in fiese Gefangenlager einsperren, endlich einmal Luft machen können, sondern man garniert das ganze mit einer "szenischen Lesung" von Gedichten, die Häftlinge in Guantanamo geschrieben haben.

Nicht umsonst wird in der Ankündigung der Veranstaltung betont, dass es sich um Gedichte von "muslimischen Häftlingen" handelt. Hier soll nicht etwa betont werden, dass in Guantanamo zum großen Teil Islamterroristen einsitzen, die weder Fernsehen, noch Musik kennen und sich deshalb in ihrer Freizeit damit beschäftigen, Buddah-Statuen in die Luft zu sprengen, öffentliche Steinigungen zu veranstalten oder mit Suicide-Belts in möglichst große Menschenmengen zu laufen. Im Gegenteil: Das Label "Muslim" soll verdeutlichen, dass es sich um Männer des Glaubens handelt, um friedliebende Seelen, die nicht im geringsten etwas dafür können, dass sie in Kuba gelandet sind.
"Das ist ein Kerker des Unrechts“, rezitiert Schauspielerin Renate Knollmann im Halbdunkel der ganz in Schwarz gehaltenen Bühne aus den Versen eines Guantanamo-Häftlings. „Die Nacht ist der einzige Gefährte, der du dein bitteres Leid klagen kannst“, heißt es an anderer Stelle. Dann wieder schwingt die Anklage über die rechtsstaatwidrige jahrelange Inhaftierung in dem US-Gefangenenlager auf Kuba ins Kämpferische um: „Bei Gott, wenn sie mich auch in Ketten legten, meinen Glauben würde ich nicht verraten.“

Es sind erschütternde Dokumente der Qualen der Gefangenschaft, der Einsamkeit und der Aussichtslosigkeit, die das Landestheater als erstes Schauspielhaus der Welt am Freitagabend auf die Bühne bringt. „Für mich war das, als ob man mich ein Stück weit mitnimmt von einer Zellenecke in die andere“, beschreibt Intendant Walter Weyers seine Gefühle bei der Lektüre der Texte. Die Gedichte wurden im vergangenen Jahr unter dem Titel „Poems from Guantanamo“ von der Universtität Iowa veröffentlicht und sind trotz strenger Militär-Zensur erstaunlich kritisch. „Zum ersten Mal kommen die Opfer selbst zu Wort“, betont Weyers.

Und so hängt das Publikum gebannt an den Lippen von Knollmann, Eva Steines und Fridtjof Stolzenwald, deren Gesichter beim Lesen überlebensgroß auf die Bühnenwand projiziert werden. Bevor die Gedichte in englischer und deutscher Übersetzung und Interpretation vorgetragen werden, führt Josephine Weyers kurz in das Schicksal der Verfasser ein. Meist ist es wenig, was bekannt ist, und doch gehen die Kurzbiografien manchmal mehr unter die Haut als die eigentlichen Texte: So ist von einem Häftling zu hören, der sich während der Gefangenschaft zwölf Mal versuchte, das Leben zu nehmen. Oder von einem Vater, der in einem Brief seiner kleinen Tochter bis auf die Zeilen „Ich liebe dich, Papa“ alles von der Zensur geschwärzt vorfindet – dabei zitierte sie einen harmlosen Kinderreim. Die betont getragene Stimme von Weyers ist an solchen Stellen überflüssig.
Der Intendant des Memminger Theaters bringt das Ziel der Veranstaltung auf den Punkt: Identifikation mit Islamterroristen, die als unschuldige Opfer hingestellt werden. Dass die Gefangenen in Guantanamo sich selbst als verfolgte Unschuld inszenieren, ist nicht weiter verwunderlich, denn ihrer Ansicht haben sie nichts anderes getan, als Allahs Auftrag zu folgen und ein wenig Jihad zu spielen. Dass nun im bayrischen Memmingen eine Veranstaltung stattfindet, in der jeder seine Betroffenheit darüber zur Schau stellen darf, dass die Häftlinge von den Amis rund um die Uhr gefoltert würden, ist - stellt man die deutsche Psyche in Rechnung- zwar ebenfalls nicht überraschend, aber dafür ist es umso absurder: Es gilt als ganz normal, wenn jugendliche Gewalttäter vom Jugendamt des Landkreises Gießen nach Sibirien verfrachtet werden und jeder, der auf die Idee käme, eine szenische Lesung zu veranstalten, in der beschrieben wird, wie man sich dabei fühlt, bei Temperaturen von -60°C Plumpsklos auszuheben, würde unwidersprochen und zu Recht zum Verrückten erklärt. Aber wenn es gegen die Amis geht, kennt man keine Vernunft mehr und ist für jeden Scheiss zu haben.

So ganz ungestört konnten die Memminger ihr Affentheater dann doch nicht veranstalten. Henryk M. Broder hat sich den Spass gegönnt, die Veranstaltung zu besuchen und hat es sich auch nicht nehmen lassen, in der anschließenden Diskussion seine Meinung kundzutun:
„Wir alle profitieren von diesem Unrecht in Guantanamo. Weil es die Amerikaner sind, die wir die Drecksarbeit machen lassen“, provoziert der Publizist Henryk M. Broder gleich in seinem Eröffnungswort. „Die Verse sind keine Poesie, sondern Politkitsch und Agitprop“, setzt er noch eins drauf, der in der Empathie für die Häftlinge nicht mehr als eine „scheinheilige Übung“ sieht.
Recht hat er, der Broder, und deshalb war das Publikum ganz aus dem Häuschen: "'Herr Broder hat durch seine extremen Beiträge die Diskussion kaputt gemacht', formulierte beispielsweise Thomas Dexel, der für den Abend extra aus München angereist war." Eine andere Besucherin war ebenfalls ganz aufgeregt: "Der hat das Publikum in ungerechtfertigter Weise beschimpft."
Enttäuscht vom Ergebnis der Diskussion zeigte sich auch Sebastian Rudolf aus Amendingen. „Es war nicht das, was ich mir erwartet habe“, bilanzierte er. Die ganze Diskussion sei zu pro-amerikanisch gewesen, das Wesentliche sei untergegangen. Das Wesentliche für ihn: „Jeder sieht, dass in Guantánamo Unrecht geschieht, dagegen muss man was unternehmen.“
Dass die Veranstaltung in der bayrischen Provinz ihren antiamerikanischen Besuchern so gar nicht gefallen wollte und dass sie sich darüber ärgerten, ihrem Ressentiment nicht zügellos Dampf machen zu können, ist einzig und allein ein Verdienst von Broder, dem es gelungen zu sein scheint, den Memmingern den Spass zu verderben. Er wird den Leuten die Flausen zwar nicht aus dem Kopf getrieben haben, aber bevor die nächste szenische Lesung in Memmingen veranstaltet wird, überlegt man sich dort mit Sicherheit dreimal, ob man es nicht doch lieber bleiben lässt. Das ganze könnte schließlich erneut zu einem "pro-amerikanischen" Abend umfunktioniert werden.

2 comments:

Tobias said...

Ich fand zwei Stellen aus diesem Artikel: http://www.all-in.de/nachrichten/allgaeu/memmingen/Memmingen-lok-lok1-guantanamo;art2758,285994 bezeichnend:

"lobte Dieter Beck aus Kempten den Hausherren und Moderator des Abends. „Das Thema wird ja sonst oft vermieden.“"

Ich frage mich da immer: Wo leben diese Menschen eigentlich? Hallo! Guantanamo wird hier vermieden?!

Und natürlich: "seit 30 Jahren ist sie Mitarbeiterin bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Auch wenn sie den Aussagen von Henryk M. Broder insgesamt wenig abgewinnen konnte, kann sie eins doch unterstreichen: „Er hat darauf hingewiesen, dass es auch anderswo Probleme mit den Menschenrechten gibt, die nicht auf so großes Interesse stoßen.“

Sie hat "auch" gesagt. Wahnsinn.

Die Wahrnehmung in Deutschland ist so wahnsinnig verzerrt - Guantanamo wird "vermieden" und neben Guantanamo "gibt es auch anderswo Probleme" mit den Menschenrechten.

Leonard Zelig said...

Ja. Irgendwie gehört es dazu, dass der antiamerikanische Mainstream sich als eine Minderheitenposition verkauft, die sonst gemiedene "Themen" anspricht.

Was die Frau von Amnesty angeht, überrascht mich vor allem, wie es immer wieder gelingt, die Menschenrechte auch für den letzten Scheiss zu bemühen. Man muss nur sagen "Menschenrechtsverstoss" und schon hat man das Böse definiert. Begründungen werden da gar nicht mehr benötigt!