2/05/2008

Ich kann doch nichts dafür...

Im Internet findet man allen möglichen Scheiss. Für gewöhnlich ignoriere ich dumme Seiten, mit denen das Netz verstopft wird, aber dieses Mal kann ich mich einfach nicht zurückhalten. Die Atome in meinem Kopf lassen sich nicht beeinflussen und deshalb fließen die Buchstaben nur so aus der Tastatur, ohne dass ich mich dagegen zur Wehr setzen kann.

Gerade eben habe ich einen Blog namens l0hmrpedia entdeckt, in dessen Kopfzeile der schöne Spruch "Wissen ist viel (doch nicht genug) Handeln ist alles!" prangt. Wenn man sich nun anschaut, was dort unter der Rubrik Philosophie abgelegt wurde, stellt man schnell fest, dass man auf eine Erkenntnistheoretische Goldgrube gestoßen ist: Unter der Überschrift: "Die Freiheit der Wahl", wird wissenschaftlich begründet, weshalb es soetwas wie Schicksal gibt:
Die Freiheit der Wahl ist im Grunde eine Illusion, der jeder Mensch unterliegt. Es gibt keine freie Entscheidung zwischen mehreren Handlungs- bzw. Denkweisen.

Dies liegt ganz einfach am Aufbau des Gehirns durch gewöhnliche Materie. Die Materie aus der sich unsere Umwelt zusammensetzt, also Atome und Moleküle, unterliegen bestimmten Gesetzen. Nach diesen Gesetzen wirken Energien so auf die Materie ein, dass sie ein bestimmtes Verhalten an den Tag legt. Das Zusammenspiel und Verhalten der einzelnen Atome bzw. Moleküle erschafft unser Denken und lässt uns Handeln. Alles Denken basiert auf Prozessen, insbesondere der Bewegung, von Atomen. Da das Verhalten der Teilchen von Gesetzen bestimmt wird, wird unser Denken und Handeln von genau denselben Gesetzen bestimmt.

Bei einer Entscheidung nimmt man an, dass man zwischen mehreren Handlungsvarianten entscheiden kann. Das veranschaulichen wir hier durch 2 unterschiedliche Atome, die jeweils an unterschiedliche Gedächtniszellen andocken und somit unterschiedliche Handlungen auslösen. Wie soll man jetzt diese Atome so beeinflussen können, dass sie an die gewollte Gedächtniszelle andocken? Wenn diese Beeinflussung durch andere Atome passieren soll, stellt sich die Frage, wie man die anderen Atome entsprechend beeinflusst. Ein Teufelskreis. Am Ende muss man sich eingestehen, dass man im eigenen Gehirn nichts frei beeinflussen kann. Alle Handlungen und jeder Gedanke stellen sich automatisch genau so ein wie es die Gesetzmäßigkeiten der Umgebung verlangen, d.h. wie die Kräfte der Umgebung die Atome unseres Gehirns beeinflussen. Es gibt nur diese eine Handlungs- bzw. Denkmöglichkeit, die man auch ausführt, denn die Atome nehmen ihren durch Gesetze vorbestimmten Weg. Ein Atom kann nur ein bestimmtes Verhalten an den Tag legen. Da ist auch nichts von Zufall bestimmt.
Da es sich nur um Atome handelt, die in unseren Gehirnen an Gedächtniszellen "andocken", können wir gar nichts beeinflussen. Denken gibt es nicht, denn das sind bloß die Atome, die uns einen Streich spielen. Deshalb kann man eigentlich nichts anderes tun, als sich damit abzufinden, dass wir den Atomen hilflos ausgeliefert sind. Aber halt... Es gibt doch eine Möglichkeit: Gehirnoperation!
Die persönliche Unfreiheit merkt man ganz deutlich am „Interesse“ für eine bestimmte Sache. Niemand kann beeinflussen was ihn interessiert. Oder kann man etwa von sich aus denken, diese Sache find ich gut oder schlecht? Kann man rein vom Gefühl her sagen: „Ich liebe die Nazis“ (was auf mich natürlich keineswegs zutrifft) und dann auch wirklich so denken, wie man gerade will? Natürlich nicht, und auf derselben Basis kann man eben gar nichts an seinem Gehirn „geistig“ beeinflussen. Natürlich kann man das Gehirn auf operative Weise o. ä. verändern, aber nicht auf psychischem Weg.
Schade, dass ich mich nicht selbst dazu entscheiden kann, eine solche Operation vorzunehmen, denn durch die Atome ist ja alles vorherbestimmt. Und irgendwie sagen mir meine Atome, dass es nicht sonderlich Klug ist, ihnen mit Hilfe einer Operation beim Andocken an die Gedächtniszellen zu helfen.

Ein Glück, dass man den Autor dieses Textes für seinen Quatsch nicht zur Verantwortung ziehen kann, so wie niemand etwas für sein Handeln kann:
Die Konsequenz für jeden einzelnen ist, dass man niemanden für seine Taten, egal wie grausam oder gut sie waren, verantwortlich machen kann. Auf dieser Basis musste die Weltgeschichte genau so ablaufen wie sie es bisher tat und wird nur einen bestimmten Weg in die Zukunft kennen. Auch das ich diesen Text schrieb passierte nicht durch freien Willen, weil ich es unbedingt mitteilen wollte oder ähnliches. Ich musste ihn schreiben, genau in der Form wie er jetzt ist, und kann mich dafür nicht rühmen. Außer ich wäre stolz darauf, wie ich geschaffen bin. Keiner kann etwas dafür wenn er diesen Text nicht versteht oder anders denkt als ich. Das ist durch den Aufbau des eigenen Gehirns und die Einflüsse der Umgebung so. Und wenn man irgendwann diesen Text doch als Richtig ansieht, musste das so passieren.
Wenn also die Atome damals mit den Deutschen durchgegangen sind, und sie gewissermassen dazu zwangen, die Juden zu ermorden, dann haben sie das nicht böse gemeint. Es gäbe zwar "wahrscheinlich trotzdem richtige und falsche bzw. schlechtere und bessere Ansichten", aber niemand "kann etwas für seine eigene Ansicht". Niemand ist verantwortlich, alles ist vorherbestimmt. Wir brauchen keinen Gott mehr, denn wir haben die Atome für uns entdeckt.
Es stellt sich nun die philosophische Frage, wie man damit umgehen soll. So weitermachen wie bisher mutet seltsam an, aber moralische Maßstäbe zu begraben wäre auch schlecht. Was tun?
Wie soll man damit umgehen, dass alles vorherbestimmt ist, dass wir Sklave der Atome sind und dass es soetwas wie eigenständiges Denken nicht gibt? Diese Frage ist so dumm, dass man es gar nicht glauben möchte, denn wenn es kein Denken gibt, dann kann man es auch gleich lassen. Schließlich geschieht ja alles ganz von selbst.

Und auch sonst ist der l0hmrpedia-Blog nicht sonderlich konsequent: Während ein Deutscher, der Nazis liebt, nichts dafür kann, ist der Amerikanische Präsident für sein Handeln voll und ganz verantwortlich. Die Vereinigten Staaten sind nämlich böse, seitdem sie beschlossen gegen den Nationalsozialismus zu kämpfen:
Damit sie auch nicht wieder in einen Krieg anderer Mächte hineingezogen werden, erschufen die USA den Völkerbund, heute bezeichnet als UNO. Doch schon nach kürzester Zeit verkam der Völkerbund zu einem Instrument zur bloßen Verwirklichung der Interessen bestimmter Mächte, namentlich der Westmächte. Auch aus diesem Grund begann 1939 der Zweite Weltkrieg, in welchen die USA 1944 eintraten. Damit hatten sie ihre guten Vorsätze wieder über Bord geworfen und haben sie seitdem nicht wieder an Land gezogen.
Dass man sich in der Jahreszahl irrt, kommt schoneinmal vor. Natürlich begannen die Vereinigten Staaten bereits im Dezember 1941, nach dem Angriff auf Pearl Harbour, damit gegen die Deutschen zu kämpfen. Aber das ist egal, denns schließlich geht es ja darum zu beweisen, dass die Amis sich mal lieber aus diesem ganzen Krieg hätten raushalten sollen und deshalb ist es angebracht, das Datum einfach mal drei Jahre nach hinten zu verschieben. Denn schließlich möchte man sagen, dass die Vereinigten Staaten Auschwitz mal lieber hätten stehen lassen sollen, denn dann würde die Welt sie heute lieben.

Und genau wegen solch einem Unfug sind sogar Blogs wie dieser eine Bereicherung: Sie zeigen, wie es im Kopf des ganz gewöhnlichen Durchschnittsdeutschen denkt und wie ein solcher sich seine Argumente zurechtlegt. Sollte l0hmrpedia nicht ausreichen, um die Tiefen des deutschen Geistes zu erforschen, kann man sich natürlich auch den neuen Song von Die Bandbreite anhören. Der ist mindestens genauso dumm und setzt nur deshalb noch einen drauf, weil er seine Aussage in Form eines Musikvideos präsentiert.

2 comments:

leif said...

Hier schreibt der Autor von l0hmrpedia:
1. Ihre Kritik an meinen moralischen Werten ist vorschnell und völlig verfehlt. Wenn Sie den von mir verfassten Text ausführlich gelesen bzw. verstanden hätten, wären sie auf die Erläuterung ihrer Kritikpunkte gestoßen, in denen ich diesbezüglich die gleiche vernünftige Ansicht vertrete wie Sie. Sie haben also meine Ausführungen teilweise falsch und insgesamt unvollständig verstanden. Ich habe meinen Text trotzdem noch einmal ausführlicher gestaltet, um Sie meine Standpunkte deutlich erkennen zu lassen.
2. Ihre Kritik an meinem zweiten Artikel ist durch Vorurteile infolge des falsch und unvollständig verstandenen Ersteren entstanden.
3. Man sollte schon mehr als nur 10% eines Blogs gelesen haben, um über ihn im Gesamten zu Urteilen. Dadurch ist ihr Urteil über meinen Blog lediglich demagogische Hetze, davon abgesehen einfach Fäkalsprache und größtenteils ohne wirklich konstruktive Argumente (siehe Punkt 1.).
4. Ansonsten können Sie ja versuchen, eine Teilchenart zu finden, die sich in unserem eigenen Gehirn von uns selbst direkt steuern lässt (Viel Spass!). Und fangen Sie bloß nicht mit der Quantentheorie oder der Unschärferelation an, durch beides können wir unsere Handlungen zwar nicht vorausberechnen und es gibt auch kein Schicksal, wie Sie mir zu glauben unterstellt haben, aber beeinflussbar sind die Teilchen deshalb von uns in unserem eigenen Gehirn trotzdem nicht! Gerade die Quantentheorie mit ihrem zentralen Element des Zufalls beweist, dass die Teilchen nicht steuerbar sind, sondern vollkommen zufällige Positionen einnehmen, auch in unserem Gehirn.

leif said...

P.S.

In dem letzten von Ihnen zitiertem Abschnitt meines Artikels 'Die Freiheit der Wahl' steht: "...aber morlische Maßstäbe zu begraben wäre auch schlecht." Damit sage ich, dass man weiterhin menschenwürdig handeln und urteilen sollte.