6/08/2008

Deutschlandparty vor meinem Fenster

Meine Eltern haben mich gut erzogen: Es würde mir nie einfallen, in aller Öffentlichkeit durch die Gegend zu pinkeln - auch dann nicht, wenn es darum gehen würde, eine Deutschlandfahne zu treffen. Dennoch habe ich gerade das große Bedürfnis, in eines der vielen schwarz-rot-gold bemalten Gesichter zu boxen, die gerade an meinem Fenster vorbeiziehen. Nur einige Meter von hier befindet sich eine Sporthalle, in der sich alle Idioten im Umkreis von mindestens 100 Kilometern zum Fußballschauen getroffen haben.

Nun marschiert der Mob, siegestaumelnd an meiner Wohnung vorbei. Es scheint, als habe die deutsche Nationalmanschaft das heutige Spiel gewonnen und obwohl ich von Fußball nicht viel halte, bin ich alleine deshalb dafür, dass die Deutschen so schnell wie möglich aus dieser Europameisterschaft rausfliegen, damit ich endlich meine Ruhe habe. Die Massen strömen an meinem Fenster vorbei, Deutschlandfähnchen schwenkend, bierselig grölend, mich davon überzeugend, dass es das Böse tatsächlich gibt: Es ist als hätte Onkel Adolf die Höllentore aufgestoßen um seine fürchterlichen Kreaturen direkt vor meiner Haustür auszuspucken.

"Wir gehen jetzt nach Polen, mit Messern und Pistolen!" grölt da eine Gruppe betrunkener und ergänzt: "Jetzt gibt es gute Laune, wir bringen alle Polen um!" Dazwischen immer wieder: "Deutschland, deutschland über alles!", lautes Hupen, jubeln. Da schreit einer: "Eyh, Du Missgeburt, du Polenfotze" und gleichzeitig trötet irgendein Idiot in eine Maschine, die lediglich dazu gedacht ist, laute und schrille Tröt-Geräusche von sich zu geben und den Mob anzufeuern. Frenetisches Geklatsche, lautes gehupe, Fahrradgeklingel und dann: "Sieg, Sieg, Sieg, Sieg", gefolgt von einem aggressiven und gemeinen: "Scheiß Polen!" Zwischendurch höre ich Geräusche von zerbrechenden Bierflaschen. Die Deutschen sind los und ich komme gar nicht mehr mit, jede Parole, die da von den Massen vor meinem Fenster gegröhlt wird mitzuschreiben: "Ruhm, Ruhm, Ruhm und Ehre!" schallt es zum Beispiel, begleitet von allem möglichen Singsang: "Oh wie ist das schö-hö-hön". Langsam werden die Schreie leiser und rücken in weitere Ferne. Jetzt fahren nur noch gelegentlich Betrunkene mit ihren Autos vorbei und drücken auf die Hupe.

Aber der Spuk ist noch lange nicht vorbei. Von weitem höre ich die Schreie immer noch und nur ein paar hundert Meter weiter geht die Deutschlandparty weiter: "Schwarz, rot, geil!" Und - wie es ein Mann vor meinem Fenster formuliert hat: "Allen Polen aufs Maul!" Ich möchte nicht wissen, was sich da in einiger Entfernung von mir zuträgt und hoffe sehr, dass es lediglich dabei bleibt, dass die Leute mit Nazisprüchen um sich werfen und nicht auf die Idee kommen, tatsächlich irgendwem Gewalt anzutun.

Von Männlichkeitsritualen halte ich genausowenig, wie von der Grünen Jugend. Aber wenn die Leute da draussen nichts anderes tun würden, als ihren Johannes rauszuholen und auf eine Deutschlandfahne zu pinkeln, dann - so bin ich mir sicher - wäre die Welt ein besserer Ort.

9 comments:

Axel Knappmeyer said...

Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.

K. Tucholsky

Hallo!

Ein vorzüglicher Kommentar zu dem, was sich momentan abspielt.

Grüße,

AK

Floschi said...

Das klingt für mich nicht nach einem Bericht über die wirklichen Geschehnisse, sondern vielmehr nach einer durch Vorurteile hervorgerufenen Vision bzw. zumindest um eine nicht unerhebliche Übertreibung.

Gerade weil du vom Fußball nichts hältst und alle Fans als "Idioten" betitelt, ist dieser Blogeintrag nicht ernstzunehmen, da ihm jegliche Distanz und Objektivität fehlen.

LG
der Floschi

Leonard Zelig said...

Da fühlt sich aber wer auf den Schlips getreten. Wenn Du meinen Text etwas genauer liest, wirst Du feststellen, dass ich alle Leute als Idioten bezeichnet habe, die in ihrem "Schwarz-Rot-Geil"-Wahn gemeinsam mit einem ganzen Haufen von offensichtlichen Nazis den WM-Sieg der Deutschen feiern. Mich wundert es doch sehr, dass hier von jemandem, der sich als Fan bezeichnet und sich mit Fussball auskennen möchte, unterstellt wird, Lügengeschichten zu verbreiten. Es handelt sich nämlich nicht um das erste Mal, dass mir ein Haufen von Fans über den Weg läuft, die Naziparolen von sich geben - und da ich relativ selten mit solchen Idioten in Berührung komme, würde ich jetzt einfach mal vermuten, dass jemand, der solche Spiele regelmäßig besucht, viel häufiger Leuten begegnet, die zum Beispiel irgendwelche Lieder über Auschwitz singen, als ich, der ich nur zufällig mit solchen Ereignissen konfrontiert werde.

trabifant said...

Ich bin gerade nur zufällig über deinen Blog gestolpert und kann einfach nur nachvollziehen, was du beschreibst. Wer davor die Augen verschließt und der Meinung ist, sowas stellt nur ein verzerrtes Bild der Realität dar, irrt ganz einfach. Vor ein paar Tagen habe ich einen Blogeintrag über die WM-Begegnung Deutschland-Polen gelesen, der noch um einiges schlimmer war. Dort wurde von körperlichen Übergriffen berichtet.

Ich halte mich gezielt fern von solchen Public Viewing-Gegenden. Der deutsche Mob ist leider immer öfter einer der schlimmeren Fankulturen. Wie du sagst, kann man nur hoffen, dass es bei diesen Sprüchen bleibt.

Und ich sage und schreibe das als Stadiongänger, wenn das auch schon ein paar Jahre her ist.

Axel Knappmeyer said...

Als Gedankenanreger ein paar Worte des Publizisten Hannes Stein
(Enzyklopädie der Alltagsqualen, S. 89, Piper-Verlag, München 2007) zum Fußball:

"[…] Fußball geschieht nicht, Fußball ist. Er erinnert an jene Arabesken, an denen das
Auge wieder und wieder entlanggleitet, ohne je einen Halt zu finden. Die Höhepunkte
(Bundesliga, Weltmeisterschaft) stechen nicht aus dem Einerlei hervor, sie dienen nur
dazu, die endlose Aneinanderreihung des Gleichen zu interpunktieren. […]
Überhaupt ist da noch die Sache mit den Fußballfans. Manchmal wundert man sich ja,
dass eine so sentimentale und eigentlich auch zivilisierte Nation wie die Deutschen
im zwanzigsten Jahrhundert dermaßen abscheuliche Verbrechen begehen konnten.
Man wundert sich nicht mehr, wenn man je einer Horde von Anhängern des
Hertha-HSV-Bochum-Stuttgart-04 begegnet ist (oder wie hieß der Verein noch gleich).
Sei es im grölenden Siegestaumel, sei es im Rausch der Niederlage, diese Jungs
wären zu allem fähig. Der zivilisierte Flaneur wechsle schleunigst die Straßenseite
oder entsichere die Panzerfaust. Gewiss, die Fußballfans anderer Völker sind nicht
weniger unausstehlich, man denke nur an die Hooligans in Großbritannien. Das beweist
freilich nur, dass Fußball sogar Engländer in etwas Ähnliches wie Nazis verwandeln kann."

Knippes said...

Es gibt auch nette Deutschland-Fans. Nur hört man die nicht so laut.
Und wenn wir kein Fußball hätten, hätten wir die Nazis immer noch. Daher sollte man sich nicht gegen den Fußball echauffieren, sondern gegen das braune Pack in diesem Land.

karwan's paule said...

Knippes: "Und wenn wir kein Fußball hätten, hätten wir die Nazis immer noch."

Stimmt, als '54 in Bern der Tauschbasar eröffnet wurde, haben wir - schlau wie WIR nunmal so sind - Nazis gegen Fußball getauscht. In diesem abstrusen Gedanken steckt eine kleine, gemeine Wahrheit.

Anonymous said...

Oje, wer sitzt denn zu Hause vor dem Fenster bei einem solchen Ereignis? Vielleicht mal am heiligen Abend die Krippen zählen, dei so bei Deinen Nachbarn im Wohnzimmer stehen, oder nach der Schule beobachten, wieviele Kinder auch Ihre Hausaufgaben machen? Geh zum Karneval mal nach Köln und schau Dir die Menschen an die dort feiern. Sind die alle normal oder gar korrekt. Hey, EM ist gerade und mindestens 16 europäische Nationen haben derzeit kaum etwas anderes im Kopf. Also, hier mit Messern zu werfen ist zu einfach und Idioten wird es immer geben - leider auch solche wie Dich die nicht verstehen wollen was liberal und aufgeschlossen bedeutet. Ich jedenfalls distanziere mich aus dieser Art "links" zu sein. Ich gröle sicher nicht die Nationalhymne mit, aber den Ton wegzuschalten und Punkrock drüber ist so politisch wie sich über ne Fliege aufm Käse aufzuregen.

Nichtidentisches said...

Alle Fussballfans sind mehr oder weniger Idioten was ihr Fanverhalten angeht... das ist nicht schlimm.
Schlimm sind die deutschen Nazis, die sich gerade als Fussballfans tummeln.