2/03/2009

Hobsbawm und die junge Welt

Dass die junge Welt - ein Kampfblatt der radikalen Linken, das nach der ehemaligen Reichszeitschrift der Hitlerjugend benannt ist - ein antisemitisches Propagandablättchen ist, in dem sich Judenfeinde nach belieben austoben können, ist hinreichend bekannt. Ich halte es für absurd, wenn Leute diese Zeitung regelmässig lesen um bestätigt zu bekommen, was ohnehin jeder weiß: Der Antisemitismus in der Linken unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem, was für gewöhnlich von der NPD kommt. In der Regel lohnt es sich nur dann einen Blick in die junge Welt zu werfen, wenn dort Leute schreiben, deren Niveau eigentlich über dem judenfeindlichen Alltagsgeplapper der linken Freunde von Al Qaeda liegt.

In der heutigen Ausgabe der jungen Welt findet sich unter der Überschrift "Schlecht für die Juden" ein Artikel von Eric Hobsbawm, in dem dieser behauptet, der israelische Verteidigungskrieg in Gaza "befördert den Antisemitismus in der Welt". Der Mann ist mit Sicherheit nicht dumm und meist ist es sogar erhellend, sich die Ansichten des marxistischen Historikers zu Gemüte zu führen - allerdings gleitet er immer dann ins Ressentiment ab, wenn er sich über den israelischen Staat äußert und so verwundert es dann auch nicht weiter, dass sein Elaborat in der jungen Welt genau den richtigen Platz für eine Veröffentlichung gefunden hat, denn dort ist man seit jeher der Meinung, dass die Juden selbst am Antisemitismus schuld seien.

Die Krieg in Gaza, schreibt Hobsbawm, "ist offensichtlich schlecht für die 5,5 Millionen Juden, die in Israel und in den seit 1967 besetzten Gebieten leben. Ihre Sicherheit wird durch militärische Aktionen gefährdet, die israelische Regierungen in Gaza und im Libanon unternehmen. Solche Aktionen zeigen deren Unfähigkeit, die erklärten Ziele zu erreichen, und verewigen und intensivieren Israels Isolation im feindlichen Nahen Osten." Für den sonst so nüchternen Historiker sind es nicht die Raketen der Hamas, die das Leben der israelischen Staatsbürger gefährden, sondern die Reaktion der Israelis auf diese Angriffe der Hamas. Würde Hobsbawm nicht in London sondern in Sderot leben, würde er die Dinge vielleicht anders sehen.

Bemerkenswert ist jedoch vor allem die folgende Passage:
Ebenso wie der Libanon-Krieg im Jahre 2006 hat der Gaza-Krieg Israels Zukunftsaussichten verdüstert. Er hat auch die Aussicht für die neun Millionen Juden verdüstert, die in der Diaspora leben. Reden wir nicht um den heißen Brei herum: Kritik an Israel bedeutet nicht unbedingt Antisemitismus, aber Israels Regierungshandlungen rufen Scham unter den Juden und heute mehr Antisemitismus als alles andere hervor. Seit 1945 haben Juden, innerhalb und außerhalb Israels, enorm von dem schlechten Gewissen jener westlichen Welt gezehrt, die jüdische Einwanderung in den 1930er Jahren verweigerte, Völkermord beging oder darin versagte, ihm zu widerstehen. Wieviel von dem schlechten Gewissen, das praktisch 60 Jahre lang Antisemitismus im Westen ausgeschlossen und ein goldenes Zeitalter für die Diaspora produziert hat, ist heute übrig- geblieben?
Hobsbawm ist der Meinung, dass man Antisemitismus nicht mit dem Baseballschläger bekämpft, sondern am besten mit einem schlechten Gewissen. Der für gewöhnlich marxistische Historiker sieht den Antisemitismus als eine Art Schicksal, dem man nicht entkommen kann, es sei denn, man befördert das schlechte Gewissen der Gojim und macht sich zum schwachen und hilfsbedürftigen Opfer, das der Antisemit im Juden sehen möchte. Und das Israel dieser Rolle nicht gerecht wird, bedauert Hobsbawm ungemein:
Israel ist, wie Gaza zeigt, nicht das Opfervolk der Geschichte, auch nicht das »tapfere kleine Israel« der Jahre 1948 bis 1967, wie es der Mythos von einem David, der all seine ihn umgebenden Goliaths besiegt haben will. Israel verliert das internationale Wohlwollen so schnell wie die Vereinigten Staaten es unter George W. Bush verloren, und zwar aus ähnlichen Gründen: nationalistische Blindheit und Größenwahn militärischer Macht.
Insofern unterscheidet Hobsbawms Argumentation sich vom Antisemitismus wie er in der jungen Welt praktiziert wird. Während man sich in den Redaktionsstuben der berliner Linken vom angeblich schlechten Gewissen befreien möchte um dem Ressentiment gegen die Juden freien Lauf lassen zu können, will Hobsbawm den Zustand jüdischer Unschuld zurück damit eben auch eben jenes schlechte Gewissen mit dem er den Antisemitismus eindämmen möchte. Auch das ist dumm und bedient sich an antisemitischen Bildern, entspricht aber nicht der Linie die von den linken Judenhasser der jungen Welt vorgegeben wird.

17 comments:

Anonymous said...

Also, ich wäre mir da nicht so sicher. Ist dir bekannt, daß Eric Hobsbawm zusammen mit vielen anderen britischen Wissenschaftlern eine Petition unterschrieben hat, die unter anderem folgende Passage enthält:


"
Israel must loose. It is not enough to call for another ceasefire, or more humanitarian assistance. It is not enogh to urge the renewal dialogue and to acknowledge the concerns and suffering of both sides. If we believe in the principle of democratic self-determination, if we affirm the right to resist military aggression and colonial ossupatin, then we are obliged to take sides...against Israel, and with the people ogf Gaza and the West Bank."

Also: Israel muß seinen gesamten Krieg, den es seit seinem Bestehen führt, verlieren, daß ist genau die "Forderung", die auch Ahmadinedschad ständig wiederholt, so unverholen habe ich die lange nicht gelesen.

Die Erklärung, die vom gesamten who is who des britischen Linksintellektualismus unterschrieben wurde, erschien im Guardian am 16. Januar 2009.

Anonymous said...

Auf den Seiten des Friedensforums Kassel kann man den ganzen Dreck lesen:

http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Gaza/stimmen/hobsbawm.html

Leonard Zelig said...

Ja, die Erklärung ist mir bekannt. Ich habe mich vielleicht ein bisschen zu freundlich ausgedrückt, als ich geschrieben habe, Hobsbawm würde ins Ressentiment abgleiten, wenn er über Israel schreibt. Wenn ich den Wortlaut dieser Erklärung nocheinmal lese hätte ich vielleicht etwas deutlicher sein sollen und sagen sollen, er gleitet in den Antisemitismus ab. Trotzdem glaube ich, dass der Mann etwas anderes im Sinn hat, als die junge Welt. Er ist eben nur dann ein Antisemit, wenn es um Israel geht und das habe ich ja auch angedeutet, als ich geschrieben habe, er bedauere es, dass Israel der ihm von den Antisemiten zugedachten Rolle gerecht werde. Zugegeben, auch hier bin ich vielleicht zu wohlwollend... Aber auch das ändert ja nichts an dem Unterschied, den ich zwischen ihm und den Berliner Antiimperialisten benenne, oder?

Mr. Moe said...

"Dass die junge Welt - ein Kampfblatt der radikalen Linken, das nach der ehemaligen Reichszeitschrift der Hitlerjugend benannt ist - ein antisemitisches Propagandablättchen ist, in dem sich Judenfeinde nach belieben austoben können, ist hinreichend bekannt."

Kleines Off-Topic, aber das ist etwa dem Verfassungsschutz keineswegs bekannt. Aus einem Interview mit dem NRW-Verfassungsschutzchef:

"Es gibt eigene Publikationen“ wie „bahamas“, aber auch linksgerichtete Zeitschriften wie „Junge Welt“ geben Antideutschen gelegentlich eine Plattform."

Mr. Moe said...

Ach so, Quelle: http://www.ruhrnachrichten.de/nachrichten/exklusiv/politik/Politik;art1572,469948

Leonard Zelig said...

Ja, das habe ich auch gelesen und habe sehr darüber gelacht wie gut der Mann vom Verfassungsschutz informiert war. Dieses Interview ist ohnehin sehr lesenswert und enthält gleich mehrere Highlights. Besonders gut hat mir gefallen, wie begründet wird, dass "die Antideutschen" der Polizei ganz hinterhältig eine Falle gestellt haben, als die Israelfahne in Duisburg aufgehängt wurde.

Anonymous said...

Wenn schon der erste Satz eines Textes einen schweren sachlichen Fehler aufweist, der zudem auf die politische Intention des Verfassers schließen lässt ("nach der ehemaligen Reichszeitschrift der Hitlerjugend benannt"), dann braucht man nicht weiterlesen.

Anonymous said...

It's called polemic, stupid.

Anonymous said...

Anonymus von ganz oben, erster Kommentar zu diesem Artikel:


Es gibt wohl tatsächlich Unterschiede zwischen diesem Hobsbawm- Artikel und den - nicht nur - linksdeutschen - Antisemiten auch in der jungen Welt, die ich allerdings eher aus meinen Vorstellungen, um nicht zu sagen Vorurteilen kenne denn aus eigener Lektüre der letzten Wochen: immerhin schreibt er, daß das "weltweite"Publikum den "israelischen Terror" zurückgewiesen habe, im Gegensatz zu vielen Zeilen, die ich aus der deutschen aber auch aus britischer und Amerikanischer Presse kennen, die halluzinieren, niemand würde das "übertriebene" Vorgehen, Israels kritisieren und wer das tue, bekäme sofort einen "Antisemitismus - Maulkorb".

Einiges andere finde ich allerdings wiederum sehr ähnlich: er spricht davon, es sei das "schlechte Gewissen", was sechzig Jahre Lang den Antisemitismus gedämmt hätte, und er sorgt sich - so verstehe ich dies - Israel sei dabei eben jenes zu verspielen. So weit ist dies allerdings nicht von dem Reden darüber entfernt, die Juden hätten aus dem Holocaust nichts gelernt, wie man es hier sehr oft hört. Auch das linksdeutsche Gewissen kann sich Juden oft nur als hilf - und wehrlos vorstellen, und wird renitent, sobald Juden - Israeel - genau diesem Bild nicht entspricht.

Allerdings unterscheidet sich der Hobsowm- Junge Welt Artikel ganz erheblich von dem oben zitierten Akademiker- Geschreibsel, in dem ja offen gefordert wird, Israel möge seinen gesamten Krieg verlieren

Leonard Zelig said...

Von der Polemik einmal abgesehen: Wenn die FDJ ihrer Vereinszeitung im Jahr 1947 den Namen des ehemaligen HJ-Organs gibt, dann ist die Vermutung gar nicht so abwegig, dass man da auf eine breitere Leserschaft spekuliert hat. Auf jedem Fall wird man sich damals sehr gut daran erinnert haben, womit der Name "junge Welt" verbunden ist.

Und was das schlechte Gewissen und die Lehranstalt angeht, muss ich Hobsbawm ausnahmsweise verteidigen. Er schreibt ja eben nicht, Israel hätte aus Auschwitz nichts gelernt, sondern er bedauert, dass die Juden von den Antisemiten nicht mehr philosemitisch hofiert werden. Selbstverständlich ist es vollkommen absurd, Israel die Schuld dafür in die Schuhe zu schieben, aber da er das am schlechten Gewissen der Gojim festmacht und nicht - wie die Antisemiten - an "den" Juden, kann ich die parallelen hier nicht wirklich erkennen. Anders ist es mit der Empfehlung, Israel solle doch gefälligst dem Bild des David entsprechen, aber das habe ich ja bereits benannt, als ich geschrieben habe, Hobsbawm verlange von den Juden sich "zum schwachen und hilfsbedürftigen Opfer" zu machen, das der Antisemit in ihnen sehen wolle.

Anonymous said...

Von Anonymous 1. Kommentar und vorletzter...

Hm, irgendwie stehe ich grad auf dem Schlauch, mit anderen Worten ich verstehe Dich nicht so ganz. Hobsbawm schreibt doch:


"aber Israels Regierungshandlungen rufen Scham unter den Juden und heute mehr Antisemitismus als alles andere hervor."

Er macht den Grund für den Antisemitismus an Israel fest, oder?

Leonard Zelig said...

Ich möchte sagen: Hobsbawm ist im Gegensatz zu den gewöhnlichen Antisemiten nicht der Auffassung, "die" Juden hätten etwas aus Auschwitz lernen müssen... Er macht das Argument, Israel befördere den Antisemitismus, am vermeintlich schlechten Gewissen der Gojim fest, das durch die Kriege in Gaza und im Libanon erschüttert werde. Dadurch umgeht er die schwachsinnige Behauptung, Auschwitz sei eine Lehranstalt gewesen.

Anonymous said...

Ah, ich glaube, ich verstehe Dich: Während die "Lehranstaltsthese" die Erwartung hegt, aus Juden hätten in Israel - und anderswo - nach Auschwitz "bessere Menschen" werden sollen, und dies permanent in Israels Handlungen enttäuscht sehen, sagt Hobsbawm, der Antisemitismus sei bislang durch ein schlechtes Gewissen gebremst worden...

Leonard Zelig said...

...und unterscheidet sich deshalb von den Lehranstaltsantisemiten.

Michael said...

Die Junge Welt ist bereits 1923–1928 in Plauen, dann von 1927–1938 in Prag erschienen.
Mit der Zerschlagung linker Jugendgruppen und Verbände und der Gleichschaltung der Presse haben die Nazis für ihre Hitlerjugend und deren Reichszeitschrift diesen Namen ursupiert. Denn diese Hetzschrift hieß bis 1939 "HJ - das Kampfblatt der Hiltler-Jugend"

Das die Nazis zielgerichtet Begriffen (Sozialismus), Symbolen (rote Fahne) etc. der Arbeiterbewegung für ihre Zwecke dreist entfremdeten, gehört zur geschichtlichen Wahrheit.

Bei aller Polemik - diese ahistorischen Vergleiche disqualifizieren.

Anarchist said...

Von mir gegen den Kapitalismus, Rüttgers und Co. geschriebene Kommentare wurden ausnahmslos in der Online-Ausgabe publiziert, schrieb ich etwas gegen Die Linke, wurde es nicht publiziert. Ebenfalls nicht publiziert wurde ein Kommentar, den ich zu dem Dellwo-Interview schrieb (1.000-ter Anteil an der Junge Welt). In dem Artikel hatte ich artgerechtes (trieberfülltes) Menschenleben als notwendige Voraussetzung für eine stabile sozialistische Gesellschaft bezeichnet.

Der wichtigste Schritt in eine solche Gesellschaft ist es, die unterschiedlichen Spezialisierungen des weiblichen und des männlichen Hirnes zu akzeptieren und ihnen gerecht zu werden: Zwar sind beide Geschlechter gleichermaßen intelligent, alles andere wäre tragisch, die Natur gestaltet aber perfekt, doch sie denken anders: Der Mann denkt stürmisch drauf los, ist damit der bessere Ideenproduzent, die Frau denkt umsichtig und besonnen, ist damit die bessere Ideenprüferin, die bessere Entscheiderin. Bemerkenswert: Vor welchen Hintergründen auch immer, Bodo Ramelow fordert an der Stelle exakt das Selbe wie wir AnarchistINNen, dass eben gerecht und vernünftig eingestellte Frauen in politischen Fragen das letzte Wort haben sollten. Damit kann man nicht einmal sagen, dass es ein anti-linker Inhalt war, der von der Junge Welt unterdrückt wurde, indem sie meinen Kommentar nicht publizierte.

Weitaus bessere Erfahrungen habe ich mit dem Neues Deutschland gemacht. Dort wurde nur einmal ein Kommentar offensichtlich versehentlich gelöscht, ich konnte die Inhalte dann wieder einstellen. Und dort darf ich auch schreiben, dass Frauenhirne evolutionär darauf spezialisiert sind, gerecht und vernünftig zu entscheiden, Männerhirne aber nicht.

Wir AnarchistINNen sind klar antikapitalistisch orientiert, erkennen ihn als menschenfeindlichen Irrtum. Aber wir wollen einen basisdemokratischen und humanen Sozialismus. Dem kommt das NEUES DEUTSCHLAND derzeit erstaunlich nahe, die Junge Welt hingegen leider nicht.

Herzliche Grüße

Winfried Sobottka, United Anarchists

F. Engels said...

Die Pointe ist nur, daß Hobsbawm sich dennoch immer wieder zu seiner jüdischen Herrkunft bekennt (vgl. Gefährliche Zeiten, 2003).
Und in dieser Perspektive des "nichtjüdischen Juden" (Isaac Deutscher) spricht er aus einer Innenbetrachtung:

"Except for those of us who are Jews. In a long and insecure history as a people in diaspora, our natural reaction to public events has inevitably included the question: 'Is it good or bad for the Jews?' In this instance the answer is unequivocally: 'Bad for the Jews'."

Wobei wir beim Klassiker wären: Können Juden selbst antisemitisch sein?